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Lesen in Zeiten der Pandemie

Seuchen sind die sozialsten aller Krankheiten. Sie manifestieren die Widersprüche der Vergesellschaftungsweisen und das Leben im Horizont negativer Kontingenz. Seit jeher lassen sich an der Wahrnehmung und Bekämpfung von Epidemien die Produktionsweisen von sozialen Normen sowie von Ein- und Ausschließungsmechanismen erkennen. Die jüngsten Ansteckungsgesellschaften verweisen vor allem auf die Intensivierung der Agrarindustrie, die Ökonomisierung des Gesundheits- und Pflegesektors und die digitale Überwachung des sozialen Raums. Die Folgen der Pandemie offenbaren die gesellschaftlichen Klassenspaltungen und komplexen Teilungslinien entlang patriarchaler und rassistischer Macht. Wir können die Entstehung gesellschaftlicher Konfliktfelder rund um den biopolitischen Extremismus kapitalistischer Gesellschaften geradezu in the making beobachten. Als kleines Geschenk in beengten Zeiten, die auf die dystopischen Potenziale unserer schon vergangenen Zukunft vorausweisen, stellen wir in loser Folge Bücher als PDF online, die jeweils ein un/passendes Paar literarischer, theoretischer oder ästhetischer Art bilden. Wir beginnen mit Chris Kraus’ Torpor und Étienne Balibars Marx’ Philosophie.

 

 

 

     

Torpor von Chris Kraus

»Es gibt eine Zeitform der Sehnsucht und Reue, in der jeder Schritt, den man tut, verzögert, überprüft, ein wenig zurückgehalten wird. Die Vergangenheit und die Zukunft werden vorausgesetzt, eine ideale Welt, die im Schatten eines wenn existiert. Es wäre gewesen.«

Torpor ist eine Erzählung über die frühen 1990er, über die Zeit von Amerikas erstem Golfkrieg, den Fall der Berliner Mauer und die Medienrevolution in Rumänien: Es ist der Beginn einer Neuen Weltordnung, schreibt Chris Kraus. Sylvie Green und Jerome Shafir sind zwei Intellektuelle und »wurzellose Kosmopoliten«, die weder im New Yorker East Village noch an anderen Orten in den USA richtig zu Hause sind. Sie reisen nach Berlin und beginnen eine Irrfahrt durch ein zerfallendes Osteuropa. Sylvies absurder Plan, in Rumänien ein Kind zu adoptieren, soll nicht nur ihre Beziehung retten, sondern auch Jerome helfen, die »Anthropologie des Unglücklichseins« zu schreiben, sein Buch über den Holocaust.

Mit einem Nachwort von Karolin Meunier. Aus dem amerikanischen Englisch von Stephanie Wurster, Berlin: b_books 2015, 276 S., € 16,00, ISBN 978-3-942214-06-3

Torpor von Chris Kraus


 

 

 

     

Marx’ Philosophie von Étienne Balibar

Im Rahmen einer symptomalen Lektüre, die sich Marx’ Texte entlang ihrer ungelösten Fragen vornimmt, führt Étienne Balibar in die Philosophie von Karl Marx ein und rekonstruiert ihre zentralen Begriffe und Problemstellungen. So ist ein doppeltes Buch entstanden, das in der Perspektive des strukturalistischen Marxismus zugleich eine Einführung und eine Vertiefung der Marxschen Philosophie anhand ihrer mehrfach veränderten Fragehorizonte leistet. Auf der Basis von Begriffspaaren wie Praxis und Produktion, Zeit und Fortschritt, Idealismus und Materialismus zeigt Balibar, wie sich politische, wissenschaftliche und philosophische Diskurse bei Marx nicht bruchlos ineinanderfügen, sondern einen Effekt irreduzibler Entstellung hervorbringen, der Marx' Denken immer wieder neu über sich selbst hinaustreibt, so wie auch die politischen Effekte des Marxismus an der Transformation ihrer eigenen Zukunftsperspektive beteiligt sind. Das Buch führt uns auf drei Pfade, auf denen sich Marx’ Denken in konfliktuelle theoretische Fragestellungen einschreibt: Subjektivität als revolutionäre Praxis und gesellschaftliches Verhältnis interpretieren, Ideologie in Begriffen von Entfremdung und Realabstraktion begreifen, Geschichte in der immanenten Kausalität widersprüchlicher Tendenzen analysieren, in deren zeitlicher Umwandlung sich kapitalistische Gesellschaftsformationen krisenhaft repoduzieren.


Mit einem neuen Vorwort des Autors. Aus dem Französischen von Frieder Otto Wolf. Berlin: b_books 2013, 240 S., € 14,80, ISBN 978-3-942214-03-2

Marx’ Philosophie von Étienne Balibar